Die Parvovirose ist – gemessen an der Zahl der Erkrankungen – die wichtigste Infek-tionskrankheit des Hundes. Sie wird aufgrund eines nahezu identischen Krankheits-bildes bei der Katze, das durch ein sehr ähnliches Virus verursacht wird, auch als “Katzenseuche des Hundes” bezeichnet. Ihr Erreger, das canine Parvovirus (CPV), ist ein Beispiel für ein in jüngster Zeit neu entstandenes Virus.
Zeitungsschlagzeilen von 1978, als das canine Parvovirus erstmals auftrat und in einer Pandemie Millionen von Hunden tötete.
Man nimmt heute an, dass es durch einige wenige Veränderungen im Erbgut (Mutationen) Ende der 1970’er Jahre aus dem lange bekannten Katzenseuche-Virus der Katze, dem felinen Panleukopenie-Virus (FPV), entstanden ist. Die früher populäre Theorie, dass es sich dabei um ein von Menschenhand “gemachtes” Virus handelt, das während der Herstellung von FPV-Impfstoffen entstanden ist, ist heute nicht mehr haltbar. Vielmehr scheinen an der Entstehung des CPV Wildtiere, wie möglicherweise der Fuchs, beteiligt gewesen zu sein.
Zusammenfassung der Entstehung des caninen Parvovirus aus einem Virus der Katze. Diese Entwicklung verlief nicht direkt, sondern schloß ein Vorläufervirus ein, das wahrscheinlich im Rotfuchs vorkam. Die jüngere Entwicklung des CPV führte zu der Entstehung neuerantigener Typen, die jetzt sowohl den Hund als auch die Katze infizieren.
Seit seiner Entstehung vor etwa 20 Jahren hat sich das Virus verändert, und es kam zum Auftreten sogenannter neuer “antigener Typen” des CPV, die als CPV-2a und CPV-2b bezeichnet werden. Biologisch ist von großer Bedeutung, daß die neuen Ty-pen ein erweitertes Wirtsspektrum aufweisen. Während der ursprüngliche Typ CPV-2 nur den Hund infizierte, können die neuen Typen Hund und Katze infizieren, bei bei-den eine Krankheit verursachen und zwischen diesen Tierarten übertragen werden. Die neuen Typen haben
mittlerweile den alten Typ weltweit vollständig ver-drängt, so daß wir in aller Konsequenz davon ausgehen müssen, daß ein Parvovirus-infizierter Hund eine Infektionsquelle für eine ungeschützte Katze darstellt, und dem-entsprechend eine Parvovirus-infizierte Katze eine Gefahr für den Hund sein kann.
Alle Virustypen sind sich jedoch noch so ähnlich, dass eine Impfung mit dem ursprünglichen Typ CPV-2 gegen alle Typen vollständig schützt.
Die Parvovirose ist eine Infektionskrankheit, die vornehmlich das Immunsystem und die Darmschleimhaut (genauer das Darmepithel) betrifft. Die ersten Anzeichen, wie Fieber und damit verbunden Mattigkeit und reduziertes Allgemeinbefinden, treten 2-5 Tage nach der Infektion auf. Sehr bald jedoch setzen die typischen Symptome Erbrechen und blutiger Durchfall ein. Unbehandelt führt die Krankheit in diesem Stadium sehr rasch zum Tod des Tieres. Bei frühzeitig erkannter Parvovirose und nach intensiver Therapie können dagegen bis zu 80% der Hunde gerettet werden.
Erbrechen ist ein typisches Symptom der Parvovirose.
CPV wird in großer Menge mit dem Kot erkrankter Tiere ausgeschieden. Ein Gramm Fäzes kann dabei eine Virusmenge enthalten, die für die Infektion von einer Million Hunde ausreichen würde. Darüber hinaus ist das Virus außerordentlich widerstandsfähig und bleibt über Wochen und Monate in der Umwelt infektiös. Diese beiden Faktoren führen dazu, daß in einem betroffenen Zwinger schnell ein hoher Infektionsdruck aufgebaut wird und die Einschleppung des Virus in einen Zwinger zudem sehr leicht über verschmutzte Kleidung oder Schuhsohlen, zum Beispiel von Besuchern, erfolgen kann, ohne daß ein direkter Kontakt mit einem infizierten Hund stattgefunden hat.
Der Hund nimmt das Virus über Nase und Maul auf, und es kommt zunächst zu einer Vermehrung in der Schleimhaut des Nasen-Rachenraums und den Ma
ndeln (Tonsillen). In einer Virämiephase gelangt es in den Lymphozyten zu den Organen und Geweben des Immunsystems, wie Lymphknoten, Milz, Thymus und Knochenmark. Hier kommt es zu einer starken Vermehrung mit einer Beeinträchtigung der Funktion dieser Organe, was sich in einer Schwächung des Immunsystems äußert. Gleichzeitig infiziert es auf dem Blutweg das Immungewebe des Dünndarms, die sogenannten Peyer’schen Platten in der Darmwand. Von hier aus gelangt das Virus zu den Lieberkühnschen Krypten, dem Ort, an denen die Darmschleimhaut (das Darmepithel) gebildet wird. In diesen Zellen vermehrt sich das Virus ebenfalls sehr stark und führt letztlich zu einem Verlust des Darmepithels und damit zu einer massiven Beeinträchtigung der Dünndarmfunktion (Abbildung 13). Dies führt zu einem hochgradigen Flüssigkeitsverlust und zu einem Übertritt von Darmbakterien in die Blutbahn. Der daraus resultierende Endotoxinschock ist letztlich meist die Todesursache bei der akuten Parvovirose.
Zu Beginn der 1980’er Jahre – das heißt in den ersten Jahren nach Auftreten des CPV – wurde ferner bei Welpen eine Parvovirusbedingte Myokarditis (Entzündung des Herzmuskels) beobachtet, die auf einer Infektion der Junghunde in den ersten Lebenstagen beruhte. Da heute die Impfung gegen die Parvovirose weit verbreitet ist und die Neugeborenen dadurch in den ersten Lebenswochen durch Antikörper aus der Muttermilch geschützt sind, kommt eine Infektion in den ersten Lebenstagen und die damit verbundene Myokarditis praktisch nicht mehr vor.
Die dramatischen Veränderungen bei der Parvovirose betreffen vor allem den Darm. Hier kommt es zu einem massiven Verlust der Darmschleimhaut.
A: Darmschleimhaut eines gesunden Hundes;
B: Darmschleimhaut eines an Parvovirose gestorbenen Hundes.
Die klinischen Erscheinungen blutiger Durchfall und Erbrechen zu sammen mit dem Laborbefund einer Verminderung der weißen Blutzellen (Leukopenie) erlaubt die Ver-dachtsdiagnose Parvovirose. Die Leukopenie kann sehr ausgeprägt sein, d.h. die Zahl der weißen Blutkörperchen sinkt mitunter auf bis zu 300 Zellen pro µl ab (Normalwerte liegen in der Größenordnung von 10.000 Zellen/µl). Je niedriger dieser Wert ist, um so ungünstiger ist die Prognose.
Die Verdachtsdiagnose kann durch den Nachweis von Parvoviren im Kot bestätigt werden. Dies kann in entsprechenden Labors durch Virusanzucht in Zellkulturen oder durch Elektronenmikroskopie geschehen. In jüngster Zeit sind von verschiedenen Firmen sogenannte “Schnelltests” verfügbar, die meist auf dem Verfahren der Immun-chromatographie beruhen und Virusantigen im Kot nachweisen. Diese Untersuchun-gen können problemlos innerhalb weniger Minuten durch den praktizierenden Tierarzt an Ort und Stelle durchgeführt werden.
Aufgrund des Flüssigkeitsverlustes durch den geschädigten Darm kommt es zu einer Dehydratation (Austrocknung) des Hundes, die eine intensive Therapie mit Flüssigkeitsersatz verlangt.
Gegen die Parvovirose sind Impfstoffe verfügbar, die wirksam vor einer Infektion schützen. Obwohl grundsätzlich inaktivierte Vakzinen und Lebendimpfstoffe verfügbar sind, konnten sich nur die Lebendimpfstoffe auf dem Markt durchsetzen.
Ein wichtiges Problem bei der Grundimmunisierung gegen die Parvovirose stellt das Problem der sogenannten “immunologischen Lücke” dar. Dies ist eine etwas unglücklich gewählte Bezeichnung für den Zeitraum in den ersten Lebenswochen der Welpen, in dem sie besonders anfällig für eine Infektion sind. Irreführend ist dieser Begriff deshalb, da die Welpen zum Zeitpunkt der Geburt bereits ein voll entwickeltes Immunsystem haben, das “lückenlos” arbeitet. Die daher besser als “kritische Phase” zu bezeichnende Zeitspanne ist die Phase, in der der Welpe die passiv aus der Muttermilch aufgenommenen Antikörper, die sogenannten maternalen Antikörper, so weit abgebaut hat, dass sie ihn nicht mehr vor einer Infektion schützen können. Diese geringe Restmenge an Antikörper kann aber trotzdem noch die Impfung stören. Der richtige Zeitpunkt der Impfung hängt also entscheidend von der Höhe der mit der Muttermilch aufgenommenen Antikörper ab, und eine Immunantwort der Welpen nach Impfung mit herkömmlichen Vakzinen ist praktisch erst mit dem Verschwinden der maternalen Antikörper möglich.
Die Bemühungen der Impfstoffhersteller gingen nun dahin, die kritische Phase zu verkürzen oder im Idealfall die “immunologische Lücke” ganz zu schließen. Ein Weg, der dafür beschritten wurde, war die Entwicklung so genannter hochtitriger Lebendvakzinen, die etwa 10.000 mal mehr Virusmaterial enthalten als die herkömmlichen Vakzinen. Man konnte zeigen, dass diese Impfstoffe maternale Antikörperspiegel bis zu einer Höhe von 1:80 durchbrechen können. Allgemein gelten bereits Antikörperspiegel ab 1:40 als schützend.
Ein großes Problem bei der Impfung stellen die so genannten maternalen Antikörper dar. Sie schützen den Hund in den ersten Lebenswochen, können aber den Erfolg einer Impfung beeinflussen.
Im Idealfall ließe sich also ein individuelles Impfschema erstellen, nachdem der optimale Impfzeitpunkt für den Welpen errechnet wurde. Dies ist jedoch in den seltensten Fällen praktikabel, deshalb wird hauptsächlich ein empirisches Impfschema angewendet. Dies sieht in der B. Lebenswoche eine initiale Impfung gegen Parvovirose, Staupe, Hepatitis contagiosa canis und Leptospirose vor.
Vier Wochen später, also in der 12. bzw. 13. Lebenswoche, wird die Grundimmunisierung durch eine Impfung gegen Parvovirose, Staupe, Hepatitis contagiosa canis, Leptospirose und Tollwut vervollständigt. Dieses Schema hat jedoch, wie sich in einer großen Impfstudie herausgestellt hat, zwei entscheidende Nachteile: Zwar sind nach der ersten Impfung in der B. Woche bereits etwa 60% der Welpen geschützt, nach Abschluss der Grundimmunisierung hatte aber immer noch jeder 10. oder 12. Welpe (8%) keinen ausreichenden Antikörperspiegel. Zusätzliche Impfungen in der 6. Lebenswoche mit einer Parvovirus-Monovakzine und in der 16. Lebenswoche eine Nachimpfung mit einer 5-fach Vakzine haben sich daher als vorteilhaft erwiesen. In der zitierten Studie waren mit diesem Schema nach einer Impfung in der 6. Lebenswoche bereits 63% der Hunde, nach 3-4 Impfungen nach der 16. Lebenswoche 100% der Hunde geschützt.